Schächten – zwischen Religion, Moral und Ökonomie

Schächten – zwischen Religion, Moral und Ökonomie

Die Erzählungen, dass Hühner ohne Kopf noch einige Meter laufen können, haben sich tief in unsere gemeinsame Geschichte eingegraben. Wer nachfragt, findet Eltern oder Großeltern, die in ihrer Kindheit einmal ein Tier haben töten müssen. Mein Vater erinnert sich, dass er sechs Jahre alt war, als ihm seine Großmutter ein Beil in die Hand gab („Du bist jetzt alt genug“). Er hat danach nie wieder ein Tier mit Federn angefasst. Wie schlachtet man ein Tier? Die einfachste Lösung ist, sich eine Menge von Gleichgesinnten zu suchen die das Tier festhalten und einer sticht zu. Dieses Vorgehen wurde über Jahrtausende so praktiziert. An vorher betäuben dachte keiner. Da hätte man das Tier ja zweimal anfassen müssen. Also: Augen zu und durch! Schlachten ist keine schöne Sache.

Das Schreien der Schweine

Für mich wäre das nichts. Es gibt viele Gründe das betäubungslose Schlachten abzulehnen. Für mich sind es die Schreie der Schweine und die Gewalt der Rinder. Die Schreie der Schweine haben etwas Ursprüngliches. Sie gehen durch Mark und Bein. Ich kenne Menschen, die allein aufgrund des Hörens eines solchen Schreies zu Vegetariern wurden. Neben Grunzen und Quieken können Schweine sehr laut schreien. Der Schalldruck ihrer Schreie liegt bei 115 Dezibel („dB“). Nur zum Vergleich, eine normale menschliche Konversation liegt bei ca. 50 dB, ein Presslufthammer erreicht 100 dB. Wahrscheinlich könnte man den Schrei eines Schweins noch hören, wenn man in einer Diskothek direkt vor den Lautsprechern tanzt. Als Menschen können wir das sogar imitieren. Wie das Jodeln, gehören „pig squeals“ zu den gutturalen Gesangstechniken. Einige Sänger von Death Metal oder Goregrind Rock Bands benutzen diese Technik gerne, um die Apokalypse zu simulieren.

Dass die Tiere trotz ihrer 10.000 Jahre langen Domestizierung immer noch so wild schreien können, liegt sicher an der hohen evolutionären Nützlichkeit dieser Töne. Da Schweine nicht schnell laufen können, wehren sie sich damit gegen Fressfeinde. Nebenbuhler abschrecken und Reviere erkämpfen geht natürlich auch. Keiner, der mit Schweinen arbeitet, möchte diese Geräusche hören. Kein Mäster, Transporteur oder Schlachter. Wer die Tiere schlecht behandelt, verliert dabei sein Gehör; und zwar schmerzhaft.

Betäubung macht Schlachten einfacher und sicherer

In einem Schlachthof kommen diese Schreie beim Abladen und im Wartestall häufiger vor. Die Tiere werden in den frühen Morgenstunden abgeliefert und hatten sich im Hänger meistens hingelegt. Aufstehen gefällt ihnen nicht. Im Wartestall müssen sie sich dann ihren Platz oder den Zugang zur Tränke erkämpfen. Das kann kurzzeitig sehr laut werden. Am Ort der Betäubung sind diese Schreie sehr selten. Sie sind eher ein Indiz, dass etwas falsch gelaufen ist. Anwesende Tierärzte notieren das, die Aufsichtsbehörden werden informiert und Ordnungsbußen bis hin zu Anzeigen wegen Tierquälerei folgen. Das will auch keiner.

Das Problem der Rinder liegt in ihrer Größe. Als ich mein Abenteuer – die Metzgerlehre – begann, wollte ich lernen, wie eine Hausschlachtung abläuft. Ein Metzger, der noch selbst schlachtete, zeigte mir seine Produktion. Sein wichtigster Hinweis zur Rinderschlachtung war, immer zu wissen, wo der nächste Kühlraum ist. Kühlräume haben massive Türen. Ein schlecht betäubtes Rind, das in der Schlachtung wieder aufwacht, ist desorientiert und wütend. Nichts, außer Edelstahl hält einen wütenden 1 Tonnen schweren Panzer auf.

Foto: Schlachthof Hasenheide © Vivi d’Angelo

Betäubung aus Empathie?

Vielleicht gibt es noch einen dritten Grund, warum ich das Schlachten unter Betäubung vorziehe. Ich denke, dass meine persönlichen Erfahrungen mit Krankheit, Schmerz und Tod hier eine Rolle spielen. Seit der amerikanische Zahnarzt William Morton im Jahr 1846 die Lokalanästhesie erfolgreich am Massachusetts General Hospital in Boston vorgeführt hatte, kann jeder von uns ohne Angst zum Arzt gehen. Davor glichen Arztbesuche einem Todesurteil. Moderne Horrorversionen sind deshalb Operationen am menschlichen Körper ohne Narkose oder – noch schlimmer – eine so verunglückte Narkose, dass der Patient wach an einer Operation teilnimmt, ohne sich verständlich machen zu können. Davor hätte ich Angst und warum sollte ich einer anderen Kreatur das antun?

An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass das Betäuben der Tiere keine unproblematische Angelegenheit ist. So wurden Rinder früher mit einem Vorschlaghammer betäubt. Es kam entsprechend häufig vor, dass die Tiere falsch getroffen oder gar Mitarbeiter verletzt wurden. Auch moderne Methoden der Betäubung liefern keine fehlerfreien Lösungen. So sind Bolzenschussgeräte  zur Betäubung bei Schweinen aus gutem Grund nur zur Notschlachtung erlaubt. Das Gehirn dieser Tiere liegt gut geschützt hinter einer Vielzahl von Nasennebenhöhlen. Diese leiten den Druck des Schusses ab. Ist das Tier zu groß, ist auch der Bolzen wirkungslos.

Die Praxis des Schächtens

Technisch wird bei der betäubungslosen Schlachtung (also dem Schächten) dem Tier mit einem scharfen Messer und einem einzigen Schnitt die Luft- und Speiseröhre, die beiden Halsschlagadern und der Vagus-Nerv durchtrennt. Der starke Blutaustritt soll dafür sorgen, dass das Tier durch den Schock betäubt und anschließend schnell ohnmächtig wird. Der Schnitt nennt sich „Rundschnitt“. Aus mehreren Gründen ist das ein anspruchsvolles Vorhaben: Zum einen bestehen Luft- und Speiseröhren aus elastischem Knorpelmaterial. Das weicht einem auch nur leicht unscharfem Messer gerne aus. Auch liegen die zwei Halsschlagadern gut geschützt an den jeweils diametral anderen Seiten der Halswirbel. Der notwendige Rundschnitt braucht deshalb viel Übung. Bei Schafen und Ziegen mag das funktionieren. Ich bezweifle, dass das bei Rindern möglich ist.

Zum anderen müssen mindestens 10% des Blutvolumens eines Tieres austreten, damit es das Bewusstsein verliert. Bei einem großen Ochsen sind das also zwischen 5 und 6 Litern. Sollte das Tier beim Schnitt aufrecht stehen, kann das lange dauern! Der horizontale Schnitt führt dazu, dass sich die Röhren in das Innere des Körpers zurückziehen. Das austretende Blut sammelt sich dort und verklebt die Öffnungen. Das Tier leidet also länger. Die menschliche Ingenieurskunst hat deshalb eine Metallbox (der „Weinberg`sche Abstecheautomat“) entwickelt, in denen Rinder eingespannt und auf den Rücken gedreht werden können. Dann liegt der Hals frei und die Schwerkraft hilft beim Ausbluten. Ich kenne das nur von Videoaufnahmen.

Es soll keine Nebensächlichkeit sein, aber der Vollständigkeit halber muss ich erwähnen, dass das betäubungslose Schlachten von Schafen und Ziegen einfach ist. Auf Grund der Größe können sie von einem erwachsenen Menschen gut gehalten werden. Ihrer genetischen Konstitution als Fluchttiere führt dazu, dass sie sich Schmerzen kaum anmerken lassen; sie sterben deshalb lautlos. Eine Komplikation bei Schafen ist das Fell. Vor der Schur ist es nahezu unmöglich, mit einem Messer sicher zu arbeiten. Die Messer werden auch schnell unbrauchbar. Klassischerweise wurden Schafe also überwiegend nach der Schur im Frühjahr oder Herbst geschlachtet.

Bisher habe ich nur sehr nüchterne Motive zur Betäubung von Tieren zusammengefasst: Arbeitsschutz und -sicherheit, Praktikabilität. Von Moral habe ich bisher nicht gesprochen.

Foto: Schlachthof Hasenheide © Vivi d’Angelo

Schächten vs. Shechita

Das liegt daran, dass moralische Aspekte nur schwer sprachlich beschreibbar und noch schwerer gesetzlich erfassbar sind. Nach meinem Wissen erhält die Moral auch erst mit der Aufklärung in Europa eine Stimme; vielleicht sogar erst mit ihrer Gegenbewegung, dem „Sturm und Drang“. Goethes Werther hätte sich sicher selbstlos vor die Tiere geworfen. Das soll nicht heißen, dass Jugendliche im klassischen Altertum nicht auch vom Schlachten der Tiere traumatisiert waren. So allgegenwärtig die menschliche Gewalt bis hinein in die Moderne aber war, hat das sicher niemanden interessiert.

Erst das Entstehen der Bürgerlichkeit im 18. Jahrhundert und der Wohlstand des 19. Jahrhunderts hat zu einer Wertschätzung von Ruhe, Stetigkeit und Gewaltfreiheit geführt. Das ist ähnlich wie im Bankwesen. Auch das hat sich – wenig erstaunlich – erst in dieser Zeit zur Blüte entwickelt. Vermögensberater wissen, dass ihre Kunden nichts mehr hassen als Geld zu verlieren. Gewinnen ist schön. Aber Verluste führen zu Streit. Deshalb werben Banken und Versicherer gerne mit Solidität und Stabilität. Das sind bürgerliche Werte.

Von der Hygiene zum Tierwohl

Das Wohl der Tiere bei der Schlachtung wurde entsprechend spät entdeckt. Noch bei der Einführung der großen Zentralschlachthöfe in Europa spielte es keine Rolle. Hauptmotiv war damals die Hygiene, z.B. um Ausbrüche der Cholera zu vermeiden. Allerdings sollte auch schon die Verhärtung empfindsamer und jugendlicher Seelen durch das viele Blut, den Gestank der Abfälle und das Schreien der Tiere verhindert werden. Ein Anfang.

Der zunehmenden Sensibilisierung der Bevölkerung in Deutschland auch hinsichtlich des Leidens der Tiere selbst hat der Gesetzgeber durch eine Reihe von Gesetzen und Verordnungen Rechnung getragen. Im Reichsstrafgesetzbuch der Kaiserzeit von 1871 war Tierquälerei noch ein öffentliches Ärgernis. Im ersten Reichstierschutzgesetz von 1933 unter dem Nationalsozialismus wurde daraus ein Straftatbestand. Das deutsche Tierschutzgesetz von 1972 gilt als Kompromiss aus den Fortschritten moderner Tierhaltung und den Erkenntnissen der Verhaltensbiologie. Es nennt Tiere erstmals Mitgeschöpfe. Seit 2002 hat der Tierschutz im Art. 20a des Grundgesetzes Verfassungsrang erreicht. In zahlreichen europäischen Ländern gibt es ähnliche Regelungen.

Schächten ist die Norm – bis heute

Ich mache diesen Umweg über den gesetzlichen Tierschutz nur, um darauf hinzuweisen, dass das betäubungslose Schlachten (also das Schächten) in der Vergangenheit und bis heute in vielen Ländern die Norm und nicht die Ausnahme war und ist. Das ist vergleichbar mit unserer Wahrnehmung vegan lebender Menschen. Da sich in Deutschland nur wenige Personen vegan ernähren, übersehen wir gerne, dass sich tatsächlich die meisten Menschen auf unserem Planeten vegan (oder nahezu vegan) ernähren. Sei es, dass sie den Konsum von Fleisch ablehnen (z.B. Indien) oder schlicht zu arm (z.B. Afrika) sind.

In Deutschland ist die Diskussion um das betäubungslose Schlachten doppelt schwierig, da hier ein technischer Begriff (das „Schächten“) für immer verschmolzen ist mit dem religiösen Schlachten der jüdischen Tradition, der „shechita“. Dabei ist Schächten – aus dem religiösen Kontext schlicht die Praxis des Schlachtens ohne Betäubung. Völlig unabhängig welche Motivation zugrunde liegt.

Foto: Schlachthof Hasenheide © Vivi d’Angelo

Schächten als Opfer-Ritual

Das betäubungslose Schlachten aus religiösen Gründen gibt es allerdings auch in der muslimischen Tradition („halal“) sowie in asiatischen oder indianischen Gesellschaften. Das Besondere ist jeweils die Motivation, gemeinsam ist das hohe ritualisierte Vorgehen. Tiere werden hier als Bindeglieder zu den Göttern verstanden. Durch den Tod des Tieres (beim Rind sogar eines sehr wertvollem) unterwirft sich der Mensch und nimmt gleichzeitig Kontakt mit dem Überirdischen auf. Er opfert.

Was die Diskussion hierzulande so verbittert ist der historische Kontext. So wurde das betäubungslose Schlachten in Bayern bereits 1930 verboten. Im Reichstierschutzgesetz wurde dieses Verbot dann auf ganz Deutschland angewandt. Motiviert waren diese rein Maßnahmen antisemitisch. Verkauft wurden sie mit Argumenten des Tierschutzes und durchgesetzt mit reinster Menschenverachtung.

Religionsfreiheit kollidiert mit Tierschutz

Einmal abgeschafft, blieb das Schächten auch nach dem 2. Weltkrieg verboten. Das gesellschaftliche Bewusstwerden der Schrecken des Holocaust verriet das Narrativ „Tierschutz“ aber als blanke Lüge. Die Freiheit der Religionsausübung ist deshalb im Grundgesetz nicht umsonst eines der wichtigsten Schutzrechte des Bürgers gegenüber dem Staat! Konsequenterweise dürfen also heute aus religiösen Gründen Ausnahmen vom Verbot des Schächtens gemacht werden (§4a Abs. 2 Nr. 2 TierSchG in Verbindung mit Art. 4 Abs. 1 GG, Art. 9 der Europäischen Menschenrechtskonvention). Diese Ausnahmen wurde auch mehrfach durch deutsche Gerichte (zuletzt: Bundesverfassungsgericht, 1 BVR 1783/99) bestätigt.

Allerdings ist in den vergangenen Jahrzehnten der allgemeine Wohlstand unserer Gesellschaft stark angestiegen. Spiegelbildlich dazu ist unsere Toleranz gegenüber Gewalt gesunken. Außerdem hat sich unser wissenschaftliches Verständnis hinsichtlich der Fähigkeiten und der Wahrnehmung der Tiere grundsätzlich geändert. Tiere werden als Mitbewohner dieser Erde verstanden; als Teil von uns selbst. Es ist also kein Wunder, dass die Diskussion um das Schächten sehr emotional geführt wird.

Private Schächtungen sind quasi unmöglich

Ich finde aber, dass wir gesellschaftlich diesen Widerspruch gut aushalten können. Mir persönlich ist kein einziger Fall einer Genehmigung für eine private Schächtung in Deutschland bekannt. Das Geheimnis liegt in der Umsetzung gesetzlicher Vorgaben. So wurden die Voraussetzungen für eine Ausnahmegenehmigung stark erhöht. Dazu gehören etwa eine klare Begrenzung des Personenkreises, für den geschlachtet wird (z.B. die Mitglieder einer Moschee zu einem Opferfest), die Sachkenntnis der schlachtenden Person, die Anwesenheit eines Veterinärs sowie die Zustimmung des jeweils zuständigen Landratsamts. Private Personen, die allein den Entbluteschnitt bei Schafen oder Ziegen durchführen möchten, müssen die dafür notwendige Sachkenntnis bei einem zugelassenen Lehrgang erwerben. Diese Lehrgänge sind selten.

Viele Landesbehörden haben sogar zusätzliche Vorschriften erlassen, z.B. hinsichtlich der Unterbringung oder Fixierung der Tiere sowie der Fleischhygiene, die eine Schlachtung im privaten Bereich nahezu ausschließen. Da bleibt allein die Teilnahme an einer Schlachtung in einem professionellen Schlachthof; und ich kann mir keinen gewerblichen Schlachthof vorstellen, der seine Zulassung gegenüber den Kontrollbehörden und der Öffentlichkeit auf diese Weise gefährdet.

Schächten mit Betäubung

Ich sollte auch erwähnen, dass es auch im Spektrum islamischer Glaubensinterpretationen durchaus die Möglichkeit des Schlachtens bei vorausgehender Betäubung gibt. Der Koran verlangt eine gute Behandlung der Tiere; immerhin sind sie ein Geschenk des Höchsten. Dementsprechend kann die vorhergehende Betäubung durchaus als eine Verbesserung im Umgang mit den Tieren gesehen und angewendet werden. Voraussetzung ist, dass die Pumpfunktion des Herzens durch die Betäubung nicht unterbrochen wird. Das Tier muss zuverlässig ausbluten können. Aus diesem Grund gibt es auch in Deutschland hergestelltes, halal-zertifiziertes Fleisch. Das meiste davon ist sicher Rindfleisch. Schafe und Ziegen werden selten in Deutschland, so dass der aufzurufende Preis notwendigerweise zu hoch sein wird.

Moral ist widersprüchlich

Es gibt sicherlich auch gute ökonomische Gründe, warum Tiere beim Schlachten betäubt sein sollten. Schlecht betäubte Tiere senken die Schlachtgeschwindigkeit. Auch braucht das Festhalten von wachen Tieren viele Mitarbeiter. Das treibt die Personalkosten in die Höhe. Ich könnte also argumentieren, dass jede Verbesserung der Betäubung (z.B. in der geographischen Ausdehnung, Prozesstechnik) zu einer Zunahme des Tierleids insgesamt führt. Betäubungsloses Schlachten ist kompliziert und gefährlich. Es ist dementsprechend langsam(er) und weitestgehend dezentral. Ich denke auch manchmal, dass die vielen rituellen Vorschriften religiösen Schächtens einer Verlangsamung dieses blutigen, brutalen und letzten Schrittes dienen. Erst das Schlachten mit Betäubung ermöglicht hohe Schlachtgeschwindigkeiten und somit große industrialisierte Schlachthöfe. Unsere Moral ist somit inhärent pervers!

Und um noch einmal metaphysisch zu werden: In religiösen Schlachtungen beten die handelnden Personen. Sie bedanken sich für das Opfer des Tieres. Die vorausgehende Betäubung in unserer „modernen“ Form des Schlachtens macht den darauf folgenden Schritt, die Entblutung, psychologisch einfacher. Das Tier ist wehrlos. Da bedankt sich dann keiner mehr. Wir sollten uns wieder darauf besinnen, uns zu bedanken.

Geschächtetes Fleisch – man kann ihm schwer entgehen

Schlachten ist für die meisten Mitmenschen ein esoterisches Thema. Üblicherweise interessieren sie sich nur dafür, wenn sie, wie durch diesen Artikel, direkt damit konfrontiert sind. Ob wir nun das Schächten befürworten oder ablehnen – tatsächlich ist es sehr wahrscheinlich, dass wir alle bereits Fleisch von geschächteten Tieren gegessen haben. Da sind beispielsweise unsere Reisen in ferne Länder. Wer etwa in Indien einmal Rindercurry isst, kann ja mal den Straßenverkäufer fragen, woher das Fleisch kommt. Das gleiche gilt sicher auch für den Balkan oder die Golfregion. Es gibt übrigens auch Kreuzfahrtschiffe, deren Küchen halal zertifiziert sind.

Ein anderes Beispiel sind Würste. Laut statistischem Bundesamt werden in Deutschland jedes Jahr ca. 2 Milliarden Tonnen Wurst konsumiert. Das sind etwa 10 Millionen Würste am Tag. Alle diese Würste stecken in Därmen. Ein Teil dieser Därme, insbesondere von Schafen, wird für die Produktion von hochwertigen Würsten (z.B. Wiener Würste, Nürnberger Rostbratwürste) verwendet. Dieses Naturprodukt ist zart und dünn. Damit hat es hervorragende Räucher- und Umröte-Eigenschaften. Es wird dementsprechend stark nachgefragt. In Deutschland gibt es aber kaum noch Schafe. Und selbst wenn diese geschlachtet werden, wird das Darmpaket meist entsorgt. Die Kosten der Säuberung und Sortierung dieser Därme ist viel zu aufwendig und kostenintensiv. Deswegen werden solche Därme aus dem Ausland importiert. Schafsdärme kommen gerne aus Ägypten, dem Iran oder Pakistan. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass ein Verbraucher beim Genuss einer Wiener Wurst geschächtetes Material konsumiert.

Über den Autor: Thomas Winnacker

Thomas Winnacker ist Metzgermeister und Unternehmensberater. Er erhielt seine Ausbildung bei den Herrmannsdorfer Landwerkstätten und arbeitete anschliessend bei der Öko-Metzgerei Landfrau.

Seit seiner Ausbildung in Herrmannsdorf interessierte sich Thomas für das Schlachten. Während der Meisterschule konnte er auch intensive Einblicke in die Arbeit eines Großschlachthofs gewinnen. Seit 2017 gehörte er zum neuen Führungsteam des Schlachthofs in Fürstenfeldbruck. Als Betriebsleiter hat er maßgeblich dazu beigetragen, diesen wertvollen regionalen Schlachthof wieder zu eröffnen.

Für Fleischglück.de möchte Thomas die Vorgänge rund um das Schlachten transparent machen. Er sagt: „Fleisch ist das wertvollste Produkt der Welt. Für jeden Bissen ist ein Tier gestorben! Das dürfen wir nicht verstecken. Wir müssen über das Töten reden.“