No-Aging beim Reh: Was passiert, wenn man einfach mal gar nicht reift?

No-Aging beim Reh: Was passiert, wenn man einfach mal gar nicht reift?

Als Jäger erlege und verarbeite ich mein Fleisch selbst. Töten und ausnehmen, zerteilen und zubereiten kann ich noch als Einheit erleben und alle Aufgaben, die normalerweise zwischen Landwirt, Metzger und Koch aufgeteilt werden, selbst durchführen. Ich kann und muss Entscheidungen treffen, die den Verbrauchern normalerweise einfach abgenommen werden: Wie nehme ich ein Tier am saubersten aus, wie schneide ich es sinnvoll zu, wie kitzle ich den optimalen Geschmack aus welchem Teilstück heraus? Es fasziniert mich, Antworten auf diese Fragen zu suchen und ein Tier ganz bewusst und mit den eigenen Händen vom Lebewesen zum Lebensmittel zu verarbeiten. Oft stoße ich dabei an Grenzen, weil ich statt einem großen industriellen Fleischwolf nur ein kleines Wölfchen besitze, keinen Reifeschrank mit einstellbarer Luftfeuchtigkeit habe oder statt einer kräftigen Bandsäge einen sauberen Fuchsschwanz benutzen muss – an solchen Stellen macht es Spaß nach den ganz einfachen Lösungen zu suchen, wie sie auch bei den früher üblichen Hausschlachtungen angewandt wurden.

Fleischreifung: Viel Potential für Fehler

Doch jede Medaille hat auch eine Kehrseite: Natürlich kann ich auch jeden nur erdenklichen Fehler der drei Berufsgruppen selbst machen, das gelingt mir auch ziemlich gut. Ich habe beim Ausnehmen schon versehentlichen den Pansen angeritzt, beim unachtsamen Zerteilen die Filets zerschnitten und Wurst wegwerfen müssen, weil sie zu schnell getrocknet und innen verdorben war. Allerdings kann man aus solchen Fehlern auch lernen und manchmal lohnt es sich sogar, Dinge anders zu machen und eigene Wege zu gehen – egal ob absichtlich oder aus Versehen.

Ein Thema, das mich seit längerem sehr beschäftigt und ein riesiges Potential für Fehler enthält, ist die Fleischreifung. Dass Fleisch nicht frisch verzehrt wird, sondern wenigstens einige Tage gut gekühlt reifen muss, ist eine der Grundlagen der Fleischverarbeitung: Nach dem Tod des Lebewesens sinkt der pH-Wert in den Muskeln, dadurch beginnt das Bindegewebe sich aufzulösen und das Fleisch wird zarter. Mit der Zeit steigt der pH-Wert wieder an und die Totenstarre lässt nach, dann ist das Fleisch bereit für die Pfanne. Gelingt es, dass Fleisch noch länger zu reifen, ohne dass es verdirbt, verändern sich Geschmack und Struktur ebenfalls weiter – bis die Grenze zu Verderb und Verwesung überschritten wird, und das Fleisch ungenießbar ist. Wochenlang trockengereiftes Fleisch ist seit einigen Jahren buchstäblich in aller Munde und auch ich versuche für mich herauszufinden, wie ich mein Wild am besten reife und wie es sich dabei verändert.

Der Standard: Zwei Wochen Reifezeit bei Wild

Für gewöhnlich lasse ich Rehe und Wildschweine ausgenommen, aber mit Fell, für drei bis sieben Tage bei etwa zwei Grad abhängen, dafür kann ich eine Kühlkammer mit Umluftkühlung nutzen. Wesentlich länger hängen lassen möchte ich die Tiere dort allerdings ungern, zu groß erscheint mir die Gefahr, dass das kostbare Fleisch verdirbt. Immer wieder liefern andere Jäger frisches Wild in die Gemeinschaftskühlung und Temperatur und Feuchtigkeit sind damit für mich nicht zu kontrollieren. Nach spätestens einer Woche zerteile ich das Wild, vakuumiere es und friere alles, was ich nicht bald verarbeiten kann, ein.

Eine andere, für mich interessante, Möglichkeit ist es, Fleisch von Beginn an nass zu reifen, wie es in den großen Schlachthöfen üblich ist: Das Tier wird sofort nach seinem Tod zerteilt, luftdicht verpackt und danach gekühlt gelagert. Während des Reifeprozesses ist es so wesentlich handlicher als ein ganzes Tier und völlig unempfindlich für sich verändernde Luftfeuchtigkeit. Statt meine Jagdbeute erst aus dem Revier in die Kühlkammer zu fahren, nur um sie einige Tage später dort wieder abzuholen, könnte ich sie so einfach sofort zu Hause zerteilen und das Fleisch im normalen Haushaltskühlschrank reifen lassen.

Zartmachen durch Einfrieren?

Über solche Dinge mache ich mir also Gedanken und unterhalte mich natürlich auch mit anderen Jägerinnen und Jägern darüber. Eine Bekannte war in einem solchen Gespräch dann der Meinung, dass man Fleisch überhaupt nicht abhängen lassen müsste, wenn man es ohnehin einfriert: Die Zellen enthalten Wasser, dass sich im Frost ausdehnt und die Zellwände zum Platzen bringt. Das Fleisch verändert seine Struktur und wird zarter, wie eben durch die »normale« enzymatische Reifung auch. Mich überzeugte ihre Theorie nicht ganz, da ich mir kaum vorstellen konnte, dass alle Metzger und Fleischverarbeiter nicht bereits auf diese Idee gekommen waren – einen Versuch schien mir die Sache allerdings doch wert zu sein.

No Aging vs. Wet Aging vs. Dry Aging – der Test

Das nächste Reh, das ich erlegen konnte, habe ich gleich für einen Versuch genutzt: Auf einer Seite des Rückens habe ich sofort nach dem Ausnehmen das Fell abgezogen und einen Strang des langen Rückenmuskels ausgelöst. Sauber pariert habe ich ihn dann in zwei Stücke geteilt und vakuumiert. Eine Hälfte ist sofort in den Gefrierschrank gewandert, eine Fleischreifung konnte also nicht stattfinden. Die andere Hälfte lag für eine Woche bei drei Grad im Kühlschrank, das entspricht dem »Wet-Aging«. Das restliche Reh mit dem zweiten Rückenstrang hing in dieser Zeit mit Fell in der Kühlkammer, danach habe ich es abgezogen und zerteilt.

Nach einer Woche lagen drei Stücke Rehrücken auf meiner Arbeitsplatte: ein ungereiftes, ein nass gereiftes und eines, das trocken am Knochen reifen konnte. Deutlich zu erkennen war vor allem das ungereifte Stück: es war dunkler, auf Druck mit dem Finger weniger nachgiebig und neutraler im Geruch als die anderen beiden. Das nass- und das trockengereifte Stück waren äußerlich kaum zu unterscheiden, lediglich im Geruch schien mir das nassgereifte eine Spur säuerlicher zu sein.

 

Der Geschmackstest

Die drei Stücke habe ich gleichzeitig in der Eisenpfanne von beiden Seiten angebraten, danach durften sie einige Minuten im vorgewärmten Ofen ruhen. Beim Anschneiden die erste Überraschung: Obwohl alle Stücke von außen gleich aussahen und alle vor dem Braten Zimmertemperatur hatten, war das ungereifte Stück innen noch beinahe roh, während die andern beiden nur noch einen leicht rosa Kern aufwiesen. Auch der benötigte Druck beim Schneiden und später das Mundgefühl bestätigten den Eindruck: das ungereifte Stück schien die Hitze in der Pfanne innen weitgehend roh überstanden zu haben. Erklären kann ich mir das nicht, dennoch war das Ergebnis erstaunlich eindeutig. Ungewohnt feste, pralle Fasern und ein wenig intensiver Geschmack sprachen eindeutig gegen weitere Versuche in diese Richtung.

Die beiden anderen Stücke waren nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich nicht auseinanderzuhalten, auch von einem oft beschriebenen metallischen Geschmack beim nassgereiften Fleisch konnte ich im direkten Vergleich nichts bemerkten. Für mich ist damit klar, dass sowohl Nass- als auch Trockenreifung unter meinen Bedingungen gute Ergebnisse liefern, und dass »No-Aging« dem wunderbaren Wildfleisch nicht gut tut. An sich ist das kein überraschendes Ergebnis und bestätigt nur, was gelernte Metzger längst wissen – aber wenn ich mein Fleischselbst jage und verarbeite, ist immer auch der Weg das Ziel.

Über Fabian Grimm

Lange Jahre war ich Vegetarier. Aus Überzeugung: Nichts essen was mal Augen hatte, die Tiere einfach mal in Ruhe lassen, Fleisch ist Mord – das ganze Programm. Inzwischen habe ich ein Gewehr, einen Jagdhund und blogge auf haut-gout.de darüber, wie ich Rehe, Wildschweine und andere Tiere beobachte, erlege, verarbeite und schließlich zubereite.

Tiere esse ich wieder, sprichwörtlich von nose to tail und mit höchstem Genuss – wenn ich sie selbst getötet und verarbeitet habe. Verantwortung für meine Ernährung zu übernehmen bedeutet für mich, mich nicht nur auf Stempel, Siegel und Zertifikate zu verlassen, sondern mir selbst die Hände schmutzig zu machen. Ich lebe gerne und bewusst auf dem Land, halte Wachteln, fange manchmal Fische und gehe viel auf die Jagd. Ganze Tiere zu verarbeiten hilft mir, das Lebensmittel Fleisch in allen Facetten kennenzulernen und zu verstehen: Welches Teilstück ist für welche Zubereitungsmethode geeignet? Und wie kann ich unbeliebtere Stücke wie Herz, Nieren, Leber sinnvoll verwerten? Es macht Spaß, Antworten auf diese Fragen zu suchen, denn Wildfleisch ist einfach ein fantastisches Lebensmittel. Die Tiere wachsen langsam, mit viel Bewegung und artgerechter Nahrung. Das schmeckt man: Jede Wildart hat ihren eigenen, feinen Geschmack der sich mit den Jahreszeiten und dem Alter des Tieres verändert.

Damit begonnen zu bloggen habe ich Ende 2015. Ich wollte und will um mich mit anderen Menschen über Wild und Wildrezepte austauschen und Neues lernen. Die Arbeit an der Seite ist für mich eine stetige Motivation neue Rezepte auszuprobieren, öfter die Kamera mitzunehmen und Erlebnisse auch mal aufzuschreiben. Spaß macht mir auch die Arbeit an haut-gout.de: Wildrezepte, Verarbeitungs- und Zubereitungstipps, Naturfotos, Beobachtungen und Erlebnisse aus dem Wald, Texte zu verantwortungsvollem Fleischkonsum.