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Fleisch von guten Menschen – nicht von glücklichen Tieren

Fleisch von guten Menschen – nicht von glücklichen Tieren

Warum promotet ihr nicht mehr Bio-Fleisch? Warum arbeitet ihr mit Experten zusammen, die auch konventionelle Landwirtschaft betreiben? Was sind eure Kriterien für gutes Fleisch?

Diese Fragen werden uns regelmäßig gestellt – zurecht. Wir sprechen seit mittlerweile drei Jahren darüber, was gutes Fleisch auszeichnet. Wir arbeiten mit Experten aus der Branche zusammen, wir bieten auf unserem Marktplatz Erzeugern eine Bühne und stellen uns so offensichtlich hinter deren Art zu arbeiten. Diese Menschen arbeiten auf sehr unterschiedliche Art und Weise – in größeren und kleineren Strukturen, mit Demeter-Siegel, mit Bio-Zertifizierung und auch ohne. Was sie verbindet? Die Tatsache, dass diese Menschen in uns ein Gefühl von Vertrauen auslösen, weil sie Haltung beziehen und ausstrahlen.

Wie und ob Tiere Gefühle, Glück und Schmerz empfinden wird erforscht – absolute Erkenntnisse dazu liegen jedoch nicht vor. Deshalb ist es aus unserer Sicht sehr unpräzise und überromantisch von „glücklichen Tieren“ zu sprechen. Was wir allerdings wissen: Wenn Menschen es mit ihren Tieren gut meinen, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es den Tieren in irgendeiner Form gut geht – oder sie zumindest nicht leiden. Deshalb finden wir: Der Blick sollte sich stärker auf den Charakter der Erzeuger richten. Hier gibt es dutzende mutmachende Beispiele über die wir in Zukunft noch stärker berichten wollen.

Wenn wir hier von „gutem Fleisch“ sprechen meinen wir damit natürlich in erster Linie die ideologische Qualität und richten den Blick in diesem Moment bewusst nicht auf kulinarische Aspekte wie Marmorierung und Faserstruktur. Um beides beurteilen zu können, muss man weitere Fakoren mit einbeziehen. Uns geht es in diesem Artikel um gutes Fleisch im Sinne einer würdevollen Haltungsform.

Ehrlichkeit, Ehrfurcht und Empathie

Hinter jedem Stück Fleisch steckt nicht nur ein Tier, sondern auch ein Mensch. Nicht das Tier entscheidet, was es für ein Leben hat, sondern der Mensch, der es „besitzt“. Dass diese Tiere vor allem Wirtschaftsgüter sind, ist ein Fakt. Wenn uns Nutzier-Halter erzählen, dass der Faktor Geld keine Rolle spielt und es ihm/ihr rein um das Wohl der Tiere geht, dann sprechen daraus entweder unermessliche finanzielle Rücklagen – oder die Aussage ist sehr skeptisch zu sehen. Was wir damit sagen wollen? Ein Landwirt mit einem guten Herz muss seine Tiere nicht über alles stellen, um Respekt zu verdienen. Was wir viel eher erwarten: Ehrlichkeit, ein wenig Ehrfurcht vor seinen Tieren und möglichst viel Empathie.

Ehrlichkeit bedeutet für uns, dass ein Landwirt ein realistisches Bild davon zeichnet, was den Alltag mit seinen Tieren prägt. Kommunikation sollte nicht dominiert sein von übertriebenen Marketing-Romantisierungen, stattdessen gerne von Leidenschaft und Wissen. Fehler eingestehen, das eigene Handeln reflektieren, auch mal Schwäche zeigen. All das, was im echten Leben einen starken Charakter auszeichnet, gilt genauso in der Fleischerzeugung. Proleten-Gehabe und Schaumschlägerei machen uns skeptisch.

Würdevoller Umgang mit Mensch & Tier

Ehrfurcht bedeutet vor allem Respekt. Man kann Tiere durchaus besitzen und „gefangen“ halten und sie gleichzeitig mit Würde behandeln. Dazu gehört, dass man im Rahmen der Wirtschaftlichkeit versucht, die bestmöglichen Bedingungen für sie zu schaffen. Das bedeutet nicht, dass man sich für das Wohl seiner Tiere verschulden soll. Das bedeutet aber auch, dass man ihre Leidensfähigkeit nicht bis zum Maximum ausreizt. Dazwischen gibt es einen Bereich, den wir mit „tierwürdigem“ Umgang beschreiben. Diesen „Sweet Spot“ für sich selbst zu finden und damit ruhig schlafen zu können ist die Kunst, die ein moderner Landwirt beherrschen sollte.

Empathie bedeutet Einfühlungsvermögen. Und genauso wie man sich in einen Menschen hinein versetzen kann, kann man grob nachempfinden, wie es einem Tier geht. Wenn Erzeuger im Umgang mit Menschen ein Empathievermögen zeigen, lässt das vermuten, dass sie diese Fähigkeit bei Tieren nicht einfach ablegen. Sie hilft dabei, die eigenen Entscheidungen vor einem selbst etablierten Korrektiv zu reflektieren.

An dieser Stelle muss man betonen: Eine würdevolle Haltung macht noch nicht automatisch ein kulinarisch attraktives Fleisch. Sie stellt vielmehr die Basis für eine möglicherweise vielversprechende Veredelung durch punktuelle Zufütterung und fachmännische Veredelung dar. Wenn dann auch noch die kulinarischen Ergebnisse passen und sich menschliche Haltung mit Know-How beim Thema Verarbeitung und Reifung verbinden, dann ist das vielleicht die heimliche Krönung des Fleischgenusses.

Gute Menschen machen gutes Fleisch

Glücklicherweise gibt es immer mehr Landwirte, denen der Spagat zwischen einem soliden Auskommen, einer aufrichtigen Haltung ihren Tieren gegenüber und dem nötigen handwerklichen Know-How gelingt. Wir finden: Gespräche mit Erzeugern sagen oft viel mehr, als die Begehung von Stall, Weide und Schlachtraum. Natürlich sollten die Rahmenbedingungen stimmen und sich möglichst mit den Schilderungen decken. Egal bei wem man sein Fleisch kauft: 100% Kontrolle wird man als Verbraucher nie haben. Auch wir werden keine Razzia veranstalten – wir müssen unseren Experten und Erzeugern glauben, was sie uns sagen und zeigen.

Was man tun kann: Mit Menschen sprechen, viele Fragen stellen, ein Gefühl für den Menschen entwickeln. Und sich klar machen, dass der Faktor Mensch bei der Fleischerzeugung eine immense Rolle spielt. Machen gute Menschen gutes Flesisch? Kann die Formel so einfach sein?

EDIT: Wichtiger Hinweis: Nach Veröffentlichung dieses Artikels gingen einige Stimmen aus der Landwirtschaft bei uns ein, die die folgende Sichtweise zu einfach und nicht 100% zutreffend finden. Wir weisen darauf hin, dass wir im folgenden Artikel nur unsere externe Sicht wiedergeben und unseren Weg darlegen, wie wir uns dem Thema als Verbraucher zu nähern versuchen. Wir freuen uns über weitere – gerne kritische – Stimmen aus der Praxis. Denn die Frage bleibt: Wie kann ich mir als Verbraucher ein realistisches und ehrliches Bild davon machen, wie mein Landwirt Landwirtschaft betreibt?

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